Antisemitismus

Zwischen Alltag und Angst

Antisemitismus ist für Jüdinnen und Juden in Deutschland eine tägliche Erfahrung. Woran denkt ihr, wenn ihr den Begriff „Antisemitismus“ hört? Vielleicht kommen euch Bilder aus dem Geschichtsunterricht in den Kopf, vielleicht auch aktuellere Nachrichtenartikel über Anschläge auf jüdische Einrichtungen. Viele Leute denken, Antisemitismus sei nur in vereinzelten, rechtsextremen Szenen wiederzufinden, aber was, wenn ich euch erzähle, dass er präsenter in unserer Gesellschaft ist, als ihr vermutlich erwartet?

Woran denkt ihr, wenn ihr den Begriff „Antisemitismus“ hört? Vielleicht kommen euch Bilder aus dem Geschichtsunterricht in den Kopf, vielleicht auch aktuellere Nachrichtenartikel über Anschläge auf jüdische Einrichtungen. Viele Leute denken, Antisemitismus sei nur in vereinzelten, rechtsextremen Szenen wiederzufinden, aber was, wenn ich euch erzähle, dass er präsenter in unserer Gesellschaft ist, als ihr vermutlich erwartet? Allein im Jahre 2024 wurden in Deutschland 650 antisemitische Vorfälle dokumentiert. Das sind durchschnittlich 12,5 Vorfälle in der Woche und damit 86 % mehr als im Vorjahr. Doch wie konnte es so weit kommen? Hätte man nicht erwarten können, dass gerade Deutschland mit dessen geschichtlicher Vergangenheit Jüdinnen und Juden ein sicheres Zuhause bieten könnte? Aber in den letzten zwei Jahren ist dieses Gefühl der Sicherheit, wenn es je echt war, verschwunden.
Antisemitismus gab es eigentlich schon immer, die Ausdrucksweise und Form veränderte sich mit der Zeit, aber eines haben alle von ihnen gemeinsam – den Hass gegen Juden. Schon im Mittelalter entstand eine der ersten Arten, der religiöse, auch genannt antijudaistischer Antisemitismus. Er entstand im Mittelalter aus der Vorstellung, Juden seien für den Tod Jesu verantwortlich und zog sich dann mit Diskriminierung, Zwangsbekehrungen und Pogromen über hunderte von Jahren. In der Zeit des zweiten Weltkrieges erreichte der rassistische Antisemitismus seinen Höhepunkt. Die Feindseligkeit gegenüber Juden war nicht mehr auf die Religion, sondern auf angeblich „biologische“ oder „rassische“ Merkmale zurückzuführen. Er entstand aufgrund von pseudowissenschaftlichen Rassentheorien. Juden galten als „fremde Rasse“, die das „reine Volk“ bedrohe. Diese Ideologie führte zur systematischen Verfolgung und Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden in der Schoah. Heute ist es der israel-bezogene, auch so genannte neue Antisemitismus. In diesem wird der Staat Israel dämonisiert, delegitimiert oder mit doppelten Standards beurteilt. Vergleiche mit dem NS-Regime, Forderungen nach seiner Abschaffung oder Schuldzuweisung an alle Juden für die Politik Israels erfolgen häufig. Kritik an israelischer Politik an sich ist natürlich nicht verboten, wird aber dann antisemitisch, wenn das Existenzrecht Israels infrage gestellt wird, oder jüdische Menschen weltweit verantwortlich für sie gemacht werden.

Seit dem 07.10.2023 ist diese Art von Antisemitismus überall weit verbreitet. An diesem Tag verübte die Terrororganisation Hamas einen schweren Terroranschlag auf das Nova Musikfestival, welches im Süden Israels stattfand. Schwer bewaffnete Terroristen drangen mit Gleitschirmen aus der Luft und über das Meer in israelische Staatsgebiete ein. Rund 1200 Menschen wurden dabei getötet und mehr als 250 wurden als Geiseln nach Gaza verschleppt. Es war das schwerste Massaker an israelischen Zivilisten seit der Staatsgründung 1948. Dieser Tag war der Anfang von einem Krieg, der nicht nur Zerstörung, Schmerz und Tränen brachte, sondern auch die Gesellschaft in zwei Teile zerriss. Die ohnehin schon schmale Brücke zwischen der jüdischen und muslimischen Gemeinschaft zerbrach an vielen Orten und aus Sorge und Wut entstand Hass. Es sind zwei Welten, die dicht nebeneinander, aber doch so fern voneinander bestehen.
Ich denke, ich spreche für die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung, wenn ich sage, dass es eine Welt vor dem 7.Oktober und eine danach gibt. Während wir mit Tränen in den Augen nach Israel schauten und die Zeit stehenblieb, drehte sich die Welt um uns herum weiter. Das Leben musste weitergehen, während das von so vielen Menschen endete und das derer Angehörigen in einer gewissen Weise auch. Rückblickend weiß ich nicht, was ich erwartete, aber es war auf jeden Fall nicht das. Ich habe nicht erwartet, dass die unmenschlichen Taten der Hamas – dass der Tod in der Öffentlichkeit gefeiert werden würde. Ich habe nicht erwartet, dass Freunde über Nacht plötzlich zu Feinden werden. Und ich habe nicht erwartet, dass das einmal unsere Normalität sein wird. Aber so ist es jetzt nun einmal – Davidstern unter die Kleidung, Kippa verdecken, leise sprechen. Aber ist es nicht genau das, was sie damit erreichen wollen? Ich wünschte, sie würden wissen, dass, wenn sie auf den Straßen Parolen schreien, die sie wahrscheinlich gar nicht verstehen, sie Menschen damit den Tod wünschen. Menschen, die vielleicht ihre Nachbarn sind, Menschen, die vielleicht ihre Arbeitskollegen sind. Menschen. Aber das sind wir für sie schon lange nicht mehr. Wir sind Juden und für sie ist das nicht dasselbe. Alles, was die Leute jahrelang in ihren Köpfen versteckt haben, schreien sie jetzt stolz heraus, weil es geduldet, akzeptiert und gefeiert wird. Es ist das, was als „richtig“ angesehen wird, wenn alle anderen es tun, kann es ja nicht falsch sein, oder? Das Problem vieler ist, dass sie blind mit der Menge mitlaufen und dabei nichts von alldem hinterfragen.

Schoah-Überlebende blicken auf unsere heutige Welt und sagen: „So hat es damals auch angefangen.“ Ich frage mich, ob es Leute beunruhigt, wenn sie so etwas hören. Vielleicht kann es viele auch gar nicht beunruhigen, da in einer Umfrage 40 Prozent der 18- bis 29- Jährigen nicht wussten, dass im Nationalsozialismus sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Wie kann es sein, dass etwas, das an Schulen zu lehren Pflicht ist, tatsächlich langsam in Vergessenheit gerät? Die fehlende Bildung ist häufig ein Grund. Ich denke, viele Leute wären vielleicht vorsichtiger damit, was sie sagen und tun, wenn sie anfangen würden, die Parallelen zwischen dem Nationalsozialismus und unserer heutigen Zeit zu sehen. Dazu kommt, dass die jüdische Bevölkerung in Deutschland 0,25 % ist, das sind 225.000 von 80 Millionen Menschen. Die Wahrscheinlichkeit, vor allem in kleineren Städten, einen Menschen jüdischen Glaubens zu begegnen, ist also sehr gering und selbst wenn, nimmt man es ja gar nicht war, da sich viele nicht öffentlich erkennbar machen. Der kulturelle Austausch ist daher selten vorhanden und das Wissen über Juden haben die Leute oft nur aus den Medien und dem Geschichtsunterricht. Das kann dazu führen, dass sie vielleicht Vorurteile entwickeln, oder das Judentum automatisch mit der Schoah verbinden, was wiederum negative Gefühle hervorruft. Dabei ist die jüdische Kultur so facettenreich und hat auch andere Kulturen weltweit geprägt. Das Prinzip des wöchentlichen Ruhetags zum Beispiel, ist auf den Schabbat zurückzuführen, genauso wie die Tradition des Kerzenzündens zum Gedenken spielt auch im Judentum eine große Rolle. Was ich damit sagen möchte ist, dass jüdische Werte und Traditionen uns überall und zu jeder Zeit umgeben, so klein und versteckt sie auch sein mögen – man muss sie nur erkennen. Ich denke, wenn wir die Gemeinsamkeiten unserer Kulturen entdecken, können wir sehr viel voneinander lernen und eine Zukunft erschaffen, in der niemand mehr ausgeschlossen wird – egal welche Ethnie, Herkunft oder Religion er hat. Ich kann nicht mehr tun, als diesen Artikel zu schreiben, aber ich hoffe damit den einen oder anderen zum Denken angeregt zu haben, woraus dann vielleicht auch Taten folgen. Denn unsere Generation ist die Zukunft und es liegt in unseren Händen, was wir damit tun.

Foto: M.T ElGassier auf unsplash.com

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