Mehrsprachigkeit

Segen oder Fluch?

Es klingelt zur Pause, die Klassenräume leeren sich und auf dem Pausenhof sammeln sich die üblichen Grüppchen zusammen. Noa und ihre Freundinnen sitzen auf einer der etwas abseits stehenden Bänken. Sie machen Witze, lachen und reden angeregt miteinander.

„Noa, wie gefiel dir eigentlich meine Party am Wochenende?“
„Es war schade um meine Zeit!“, sagt sie mit einem begeistertem Lächeln.
Die Gespräche um sie herum verstummen und verwirrte Blicke ersetzen die lachenden Gesichter.
„Wie meinst du das? Ich dachte, sie hätte dir gefallen.“
„Hat sie ja auch.“
Da fängt Shira, die im Gras sitzt und ein Gänseblümchen zwischen ihren Fingern dreht, an zu lachen.
„Leute, sie meint es nicht so! „Chaval al HaSman“ – „Schade um die Zeit“, bedeutet in unserer Sprache, dass etwas unbeschreiblich toll ist. Noa muss sich einfach diese Angewohnheit abgewöhnen, Wörter buchstäblich zu übersetzen.“

Von Situationen wie dieser können viele mehrsprachige Menschen berichten und auch wenn man meistens darüber lachen kann, so hat es doch seinen frustrierenden Teil. Vielleicht würde Noa aus dem fiktiven Beispiel nicht solch peinlichen Momenten ausgesetzt sein, wenn sie einfach nur mit der deutschen Sprache aufgewachsen wäre. Bringt es eigentlich überhaupt etwas, mit einer Sprache auszuwachsen, die man nur mit seiner Familie und mit ein paar wenigen Freunden sprechen kann?

Ein Nachteil der Mehrsprachigkeit ist beispielsweise, dass viele mehrsprachige Menschen sich an einem gewissen Zeitpunkt ihres Lebens die Frage stellen, welcher Sprache oder auch kulturellen Gruppe sie eher zugehören. Kinder und Jugendliche versuchen sich dadurch zwanghaft auf eine Gruppe festzulegen und schließen die andere vielleicht sogar aus ihrem Leben aus. Manche Menschen kapseln sich dann entweder von ihren Mitschülern ab, weil sie das Gefühl haben, sie würden sie sowieso nicht verstehen, oder aber sie verbringen weniger Zeit mit ihren Familien, weil sie den Drang verspüren, so wie die Mehrheit ihres Umfelds sein zu müssen.

Doch sind wir Menschen nicht vielfältiger als das? Wenn wir unsere Kulturen, Sprachen und Hintergründe in uns miteinander verbinden könnten, würde vielleicht eine vielschichtigere Identität daraus entstehen, als wenn wir uns einfach nur auf eine festlegen würden. Zu beispielsweise Literatur und Musik in ihren originalen Sprachen haben mehrsprachige Menschen einen größeren Zugang, als einsprachige Menschen das haben. Es ist außerdem im Leben immer ein Vorteil, Verständnis und Wissen über verschiedene Kulturen mit sich zu bringen.

Leider ist Diskriminierung auch eine negative Seite der Mehrsprachigkeit. Menschen könnten durch ihren Akzent nicht ernst genommen und herablassend behandelt werden. Außerdem entwickeln Menschen oft Vorurteile, die sie gar nicht als diese wahrnehmen, und nehmen an, dass mehrsprachige Menschen eine geringe Intelligenz hätten. Ein zu oft gehörter Satz im Alltag lautet beispielsweise: „Du sprichst aber gut Deutsch!“

Dem lässt sich entgegenhalten, dass mehrsprachige Menschen häufig Vorteile beim Erlernen weiterer Fremdsprachen mit sich bringen, da sie schon wissen, dass Sprache ein System ist. Sie können Grammatikmuster, Satzstrukturen und Regeln schneller begreifen und können zusätzlich verschiedene Sprachen miteinander vergleichen, wodurch neue Sprachen weniger fremd wirken.

Ein weiteres Argument dagegen ist, dass es Schwierigkeiten geben könnte, die mehreren gesprochenen Sprachen auf einem Niveau zu halten und häufig ist es so, dass man eine Sprache immer noch besser spricht als die andere. Dadurch könnte es zu Sprachvermischungen kommen, also dass man beispielsweise aus Gewohnheit zwei oder sogar drei Sprachen in einem Satz verwendet, was die andere Person wahrscheinlich verwirren würde, sofern sie der anderen Sprachen nicht mächtig ist.

Ein Argument für die Mehrsprachigkeit ist jedoch, dass man durch ausgeprägte Sprachfähigkeiten bessere Jobmöglichkeiten bekommen kann, insbesondere wenn diese in internationalen Feldern bestehen. Die Kommunikation mit Menschen aus zahlreichen Regionen der Welt, wie auch eine verständlichere Kommunikation zwischen zwei Menschen, die ihre gegenseitige Sprache nicht sprechen, kann dadurch ermöglicht werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Mehrsprachigkeit ein großer Vorteil für das Individuum selbst und die Menschen um ihn herum ist. Sie kann uns Wege zu wirtschaftlichem Erfolg, zwischenmenschlicher Kommunikation und Schätze anderer Kulturen eröffnen, die eine Bereicherung für unsere Gesellschaft sind.

Foto: Ling App auf unsplash.com

Weitere Artikel der aktuellen Ausgabe findet ihr hier:

Junior

Schule

Panorama

Sport

58