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Mehr erfahrenKommerzialisierung im Hip Hop
Cash rules everything around me
von Jelto Claus
Systemkritik im Hip Hop gehört im Jahr 2026 längst der Vergangenheit an, zumindest in den Charts. Schluss mit Underground-Shows, Rapper haben es längst auf die großen Bühnen der Festivals geschafft oder füllen auch im Alleingang ganze Stadien. Die Systemsprenger der 80er und 90er wurden scheinbar längst durch die Eistee-, Pizza- und Vapeverkäufer der Moderne ersetzt, auch wenn sie sich dazu herabzulassen, das Maskottchen eines Supermarktproduktes zu spielen, was im Vergleich kommerziell erfolgreicheren Ami-Rappern meist erspart bleibt.enüber des Lothar-Meyer-Gymnasiums und an der Gartenstraße liegend, vom Landkreis Friesland gekauft. Seitdem ranken sich viele Gerüchte um das schöne, alte Haus gegenüber der Schule: Gibt es wirklich noch Mieter, die hier wohnen? Wie sieht es wohl in diesem ehemals prächtigem Gebäude aus? Gibt es irgendwelche Pläne, wie es dort weitergehen soll?
„Unternehmergeist liegt in der DNA der Kultur. Hiphop heißt: Wenn ich in Manhattan nicht in den Club komme, veranstalte ich in der Bronx meine eigene Party – und erfinde dabei eine neue Musikrichtung.“ Mit diesen Worten bewirbt Hiphop.de-Herausgeber Tobias „Toxik“ Kargoll sein Buch „Erfolgsformel Hip-Hop – Ambition und Underdog-Mindset als Erfolgsfaktoren“. Wer in der Mainstream Gesellschaft keinen Halt finden kann, muss eben seine eigene Gesellschaft schaffen, eigene Unternehmen, eigene Partys und eben auch eigene Musik. Trotzdem fühlt sich, was heute geschieht, anders an, weniger nach Überleben und mehr nach Kommerz, eher wie Kollaboration als einem Angriff auf die da oben.
Eine gewisse Liebe zum Kommerz wird dem Genre seit dessen Anfängen nahe gelegt. Man kennt die stereotypischen, wenn auch zumindest teilweise nicht ganz ungenauen Darstellungen von Rappern, Goldketten, Autos, Diamanten; performative Darstellung von Reichtümern; 50 Cent, der in MTV Cribs mit drei gemieteten Ferraris angibt. Gleichzeitig ist das Angeben mit Geld vermutlich ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, auch wenn gerne so getan wird, als wäre es eigentlich geschmacklos. Der „sehr praktische“ SUV (für die Kinder), der akribisch dokumentierte und über sämtliche soziale Medien verstreute Familienurlaub (Dubai) oder die Kitchenaid-Küchenmaschine (kaum benutzt) haben im Grunde genommen die selbe Funktion.
„Wenn du in einer Gesellschaft aufwächst, die dich immer als Mensch zweiter Klasse sieht, immer von oben herab, dann ist deine einzige Möglichkeit, auf gleicher Augenhöhe zu stehen, ihnen zu imponier’n“ das sagt Ebow in „Prada Bag“ aus. In Wahrheit spielen wir wahrscheinlich alle ein ewiges Spiel des Trophäensammelns. Dass besonders junge Kunstschaffende, die schnell an viel Geld kommen, durch Erfolg in diesem Spiel teilweise herausstechen, ist wohl kaum ein neues Phänomen und entlang Ebows Aussage auch begründbar. Nach den Regeln seiner Umgebung zu leben und trotzdem gegen sie zu sein, ist möglich. Was passiert, ist weniger eine Veränderung der Ästhetik als eine des Lebensstils. Durch die Integration des Hiphops in den Mainstream ist der Erfolg kein rebellischer Akt, sondern schlichtweg ein gutes Geschäft, sowohl für Künstler als für die Musikbranche.
Dabei ist die Prophezeiung des Todes der Subkultur kaum neu, bereits 2004 betrauerte Greg Tate, während andere den dreißigsten Geburtstag des Genres feierten, dessen Untergang:
„Würden wir morgen aufwachen, und es gäbe Hiphop weder im Radio noch im Fernsehen, gäbe es mit Hiphop kein Geld zu holen, könnten wir sehen, was für eine Kultur das war, denn ich würde wetten, dass Hiphop, so wie wir es heute kennen, aufhören würde zu existieren, außer als Nostalgie.“
Tate sah Hiphop nicht nur als musikalische Stilrichtung, sondern als Produkt einer Zeit des Aufruhrs. Als Medium einer Bewegung zur Befreiung der Diskriminierten, speziell schwarzer US-Amerikaner. Ökonomie ist für solch eine Bewegung ebenso wichtig wie für den heutigen Hiphop. Als ein in den Mainstream integriertes Genre konnte Hiphop wohl kaum einer Funktion als Mittel der massenhaften Befreiung dienen, sondern musste vorgegebenen Strukturen folgen. Somit hat auch Hiphop, losgelöst von egalitären ökonomischen Bestrebungen, einigen wenigen Interpreten zu massenhaftem Reichtum verholfen, ohne am Käfig der gesellschaftlichen Zustände zu rütteln. Diese Individuen könnten durch ihre Reichweite und Ressourcen prinzipiell auch als Speerspitze einer Bewegung fungieren.
Stattdessen fällt Hiphop in altbekannte Muster, die nächste ehemalig subversive Bewegung, welche sich dem Mainstream anpasst. Dafür muss sich der Inhalt nicht einmal ändern. Erfolgreiche Künstler verpacken die Revolution als Konsumprodukt. Vielleicht ist Kendrick Lamar, welcher in der Superbowl Halftime Show die Revolution beschwört, so etwas wie der spirituelle Nachfolger von John Lennon, der in seinem Landhaus außerhalb von London die Textzeile „Imagine no possessions“ schrieb, was am Ende auch nicht zu der in „Imagine“ beschriebenen Welt geführt hat.
Fotos: Gordon Cowie und Michael Afonso auf unsplash.com
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