Ein Essay

Jeffrey Epstein

(Warnung: In diesem Artikel geht es um die von Jeffrey Epstein begangenen Sexualstraftaten, dementsprechend werden Themen wie die Vergewaltigung von Minderjährigen erwähnt.)
Ein Fall, welcher selbst sieben Jahre nach dem Tod des Verurteiltem noch neue Enthüllungen offenbart: Jeffrey Epstein unterrichtet, ohne vollendetes Studium, Mathematik an einer exklusiven Privatschule in New York.

Ein Vater seines Schülers, welcher selbst an der Wall Street tätig war, leitet Epstein an den Vorstand einer der größten Investmentbanken weiter. Dort steigt Epstein als Assistent eines Parketthändlers ein und steigt innerhalb kurzer Zeit zum beschränkten Geschäftspartner der Firma auf. Aus unbekannten Gründen steigt Epstein ein Jahr nach seiner Beförderung aus und gründet sein eigenes Unternehmen, welches Kunden eine Rückerstattung ermöglicht, wenn diese von Maklern oder Anwälten betrogen worden sind. Nachdem das Inkassobüro, in dem er zwischenzeitlich als Berater angestellt war, den Betrieb einstellt, wird Epstein erneut eigenständiger Unternehmer und baut sein Vermögen schlagartig am Anfang der 2000er auf.
Trotz des unüblichen Werdegangs eines Millonärs verhilft ihm genau dieser zu einem breiten Netz aus einflussreichen Kontakten, welche sein System der sexuellen Ausbeutung zahlreicher Opfer überhaupt ermöglichen. So lernt er im Laufe seiner Karriere den langjährigen Chef der Modemarke Victoria Secrets, Leslie Waxner, Prinz Andrew aus der britische Königsfamilie, Donald Trump, Bill Clinton und viele weitere Personen der Oberschicht weltweit kennen.
Oft ist es bei Tätern wie Jeffrey Epstein so, dass Impulse für derartige Taten ihren Ursprung in der Kindheit haben, doch ist in Epsteins frühen Jahre nichts über ungewöhnlichen Erlebnisse oder eigenen traumatischen Erfahrungen bekannt.

Virginia Giueffrey
Anders ist das bei dem wohl bekanntesten Opfer Epsteins Virginia Roberts Guiffre. Sie wächst in einem Stadtteil in Palm Beach auf, einer Gegend, in der die Welt der Reichen mit ihren schönen Villen und teuren Autos so nah ist und gleichzeitig für Virginia nicht weiter weg sein könnte. Virginias Leben war lange, bevor sie Jeffrey Epstein traf, ein wahrer Albtraum, in jungen Jahren musste sie bereits sowohl sexuellen als auch körperlichen Missbrauch durch ihre Eltern und vermeintlich Nahestehende der Familie erfahren. In ihrem Elternhaus wird sie misshandelt und vernachlässigt. Zwischenzeitlich ist sie alleine auf der Straße und versucht vergeblich ihre Verzweiflung mithilfe von Rauschmitteln zu kompensieren, sie verbringt Zeit auf Partys mit Älteren, wo sie viele schlechte Einflüsse gewinnt, bis ihre Mutter sie schließlich in die Jugendanstalt für schwer Erziehbare, „Growing Together“ einweisen lässt. Hier geht es ihr auch nicht besser, denn auch hier gehen verschiedene Formen von Gewalt von den Betreuern aus, welche Jugendliche mit ähnlichen Schicksalen erleiden mussten. Einige Jahre, nachdem Virginia der Einrichtung endgültig entkommt, schließt diese, nachdem Eltern der Patienten die Erfahrungen ihrer Kinder vor Gericht bringen. Zwei Tage ist sie eigenständig unterwegs, als sie ziellos durch die schwüle Hitze Floridas wandert. Virginia hat nichts zu verlieren und hofft per Anhalter vielleicht irgendwo anzukommen, doch sie gerät währenddessen nicht bloß einmal, sondern gleich zweimal an die wohl schlimmst mögliche Mitfahrgelegenheit, die man sich vorstellen könnte: Beide Männer entpuppen sich als absolute Monster. Nachdem ein eingehender Anruf ihr die Flucht des ersten Täters ermöglicht, sitzt sie mit Wunden übersät an einem Strandparkplatz, bis eine Limousine vorfährt, auf der Rückbank ein älterer Herr mit mitleidiger Mine und ein junges hübsches Mädchen. Diese Fahrgäste erscheinen Virginia wesentlich vertrauenswürdiger als der Mann mittleren Alters in seinem weißen Van, also steigt sie ein, unwissend, dass das Schließen der Autotür die Verwicklung in einen Menschenhandel des Pädophilen Ronald Eppinger hinter sich zieht. Nach sechsmonatigem Aufenthalt stürmt die lokale Polizei die Wohnung des Pädophilen und rettet Virgina aus der Gefangenschaft Eppingers. Nachdem Viginias Mutter sich weigert, ihre Tochter wieder aufzunehmen, ist Viginia zurück in der Jugendanstalt, mit dem Versprechen ihres Vaters, ihre Mutter innerhalb einer Woche umzustimmen. Tage vergehen und Virginia hört nichts von ihren Eltern. Als sie der Einrichtung erneut entkommt, ruft sie ihren Vater an und fordert, dass er seinem Versprechen nachgeht und sie in ihrem alten Zuhause unterkommen lässt.
Hier lebt sie wie ein ungebetener Gast, weshalb sie erst bei einer Freundin aus der Jugendeinrichtung wohnt und später mit Micheal, dem großen Bruder besagter Freundin.
Für Außenstehende scheint Virginias Leben wie ein Teufelskreis, wieder und wieder gerät sie in die Hände grausamer Männer, ein sich wiederholendes Muster, das Virginias Ansichten von Richtig und Falsch verschwimmen lassen. Nachdem ihr Weg sie schließlich mit sechzehn erneut zu ihren Eltern führt, zieht sie gemeinsam mit Michael in den Wohnwagen, der im Garten ihrer Eltern steht. Zudem bietet ihr Vater ihr einen Minijob in dem Privatclub Mar-A- Lago, welcher im Besitz des heutigen Präsidenten Donald Trump liegt. An einem heißen Arbeitstag sitzt die Sechzehnjährige hinter der schattigen Rezeption und liest ein Anatomie-Buch, eine Frau mit einem britischen Akzent kommt mit ihr ins Gespräch, Virginia erzählt von ihren Plan, eine Karriere als Masseurin anzugehen. Als die nette Dame daraufhin einen Freund und Clubmitglied erwähnt, der eine Massagetherapeutin sucht, bietet sie ihr an, noch am gleichen Tag ein Vorstellungsgespräch mit diesem zu organisieren. Nach der Arbeit fährt Virginias Vater sie zu dem glamourösen Anwesen, dort angekommen begrüßt Ghislaine Maxwell sie. Virgina betritt das Haus und wird aufgefordert, Maxwell die Treppe hinauf zu folgen. Sie hinterfragt die Bilder von unbekleideten Frauen, die im Treppenaufgang hängen, nicht laut, schließlich war sie noch nie in einer Villa eines Milliardärs, vielleicht ist das die übliche Dekoration der Wohlhabenden? Die beiden Frauen betreten den Massageraum, in welchem ein Mann in seinen Fünfzigern auf einem Massagetisch liegt. Ghislaine leitet Virgina an: Während Virginia massiert, stellt Epstein ihr Fragen, diese werden zunehmend persönlicher, Virginia beantwortet Frage für Frage. Sogar als Epstein nach ihrem ersten Mal fragt, antwortet sie. Um das nachvollziehen zu können, muss man berücksichtigen, dass Virginia verzweifelt die Chance, ihren Traumberuf auszuüben, nutzen möchte, weshalb sie ihre schwierige Kindheit und ihre ungewollten ersten sexuellen Erfahrungen ohne Widerspruch erläutert. Anschließend dreht sich Epstein um, womit das spärliche Handtuch, welches ihn zuvor noch bedeckt hat hinfällig wird. Daraufhin manipulieren die beiden Erwachsenen sie zu sexuellen Handlungen, indem sie Virginia das Gefühl geben, dies wäre ganz normal und gehört zu einer Massage dazu. Im Anschluss wird Virginia mit über 200 Dollar bezahlt, ein Betrag, für welchen sie bei ihrem Nebenjob eine Woche arbeiten müsste, verdient sie so in wenigen Stunden.

Mit diesem Vorgehen bauen Epstein und seine Komplizin ein Schneeballsystem von sexueller Ausbeutung auf. Ghislaine rekrutiert junge, hübsche Mädchen. Mädchen, die schon bevor sie Epstein trafen, traumatische Erfahrungen gemacht haben und die das Geld, welches ihnen für eine vermeintliche Massage angeboten wurde, nötig hatten. Mädchen, denen Kontakte zu Leuten versprochen wurden, die sie, egal welche Karriere sie anstrebten, ob es ein Durchbruch als Model, Schauspielerin oder Malerin war, an die Spitze dieser Branchen bringen konnten. Diesen Mädchen wurde die Möglichkeit gegeben, ihre Bezahlung zu verdoppeln, indem sie eine Art Provision ausgezahlt bekommen, wenn sie weitere Mädchen an Epstein vermitteln. So befremdlich es erscheint, einen anderen Menschen in eine Situation zu bringen, die für einen selbst furchtbar war, hatte nicht jeder der Opfer das Privileg, die Summe abzulehnen, die sie auf Kosten von anderen und auf Kosten eigener Schuldgefühle verdienten. Einige von Epsteins Opfer wussten, worauf sie sich einließen und kehrten dennoch zurück, darunter auch Virginia. Sie kannten es nicht anders, sie waren den Missbrauch regelrecht gewöhnt, jedoch brachte die Ausbeutung Epsteins einen Luxusstandard mit sich, den sie sich sonst nur hätten erträumen können, wie Auslandsreisen, Partys und Kontakte in der High Society und natürlich Unmengen von Geld. Virginia selbst berichtet, dass in einigen Momenten eine Familiendynamik herrschte, ein gemütlicher Filmeabend auf der Couch zum Beispiel, der Virginia ein zuvor unbekanntes Gefühl von Zugehörigkeit verlieh, allerdings arteten auch diese meist in Übergriffigkeit aus.
Nachdem Jeffrey Epstein jahrelang Mädchen selbst missbraucht und sie teilweise an Freunde wie auch Prinz Andrew aus der britischen Königsfamilie vermittelt hat, werden die Klagen der Opfer endlich erhört. Als die Stiefmutter einer Vierzehnjährigen sich 2005 bei der örtlichen Polizei meldet, gewinnt der Fall an Aufmerksamkeit. Da dies nicht die einzige Erwähnung von einem reichen Mann, der jungen Mädchen Geld im Gegenzug für eine vermeintliche Massage anbietet, schaltet sich einige Zeit später das FBI ein, woraufhin Epstein ein Team aus Anwälten zusammenstellt. Bei den Ermittlungen fanden sich viele Opfer mit ähnlichen Erfahrungen mit dem Sexualstraftäter. Das Gerichtsverfahren wurde 2008, ohne das Wissen der Opfer durch den damaligen US-Staatsanwalt Alex Acosta genehmigt, womit Epstein eine gnädige Haftstrafe von 18 Monaten wegen Anstiftung von Prostitution Minderjähriger bekommt, nachdem er sich in zwei Anklagepunkten als schuldig bekennt. Innerhalb seiner Haftstrafe hatte er sechs Tage die Woche 12 Stunden Ausgang, um zu arbeiten, unter diesen Bedingungen saß Epstein bloß 13 Monate seiner Haftstrafe ab, bevor er entlassen wird. Im Jahre 2019 wurde ein Artikel veröffentlicht, in welchem einige Opfer Epsteins befragt wurden, wie sie dazu stehen, dass der Mann, der für die gnädige Justiz Epsteins erster Haftstrafe verantwortlich war, von Donald Trump als Arbeitsminister nominiert wurde, was dessen Position in diesem bedeutsamen Amt zur Folge hat. Dieser Artikel verursachte eine erneute Festnahme im darauffolgenden Juli, Epstein wird für Sexhandel angeklagt, im Gegensatz zu seiner vorherigen Haftstrafe verbringt er diese unter weniger freien Bedingungen in einem Gefängnis, in welchem die Insassen auf ihren Gerichtsprozess warten. Nach einiger Zeit wird Jeffrey Epstein Anfang August tot in seiner Zelle aufgefunden. Die Rechtsmediziner sind sich zunächst uneinig, nach mehrfacher Absprache steht der Befund „Suizid durch Erhängen“ fest. Epsteins Tod war zum einem ein sehr niederschlagendes Ereignis, da es somit keine Gerechtigkeit für die Opfer geben konnte, zum Anderen ist der Ablauf seines Todes ein Mysterium, denn wie sich später herausstellt, war sein Zellengenosse zum Zeitpunkt des Todes nicht anwesend, die Gefängniswärter vernachlässigten ihre Aufsicht und sogar die Überwachungskameras sind ausgefallen und liefern somit kein Beweismaterial des Selbstmordes. Diese Auffälligkeiten befeuern viele Verschwörungstheorien, welche die Todesursache anzweifeln und stattdessen von einem Mord ausgehen.

Fotos: Ray auf unsplash.com

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